Lebenszeit löschen

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In dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin, steht ein Kasten mit einer Lade voller Briefe aus meiner Jugend. Ich habe derzeit kein Bedürfnis, diese Briefe zu lesen, aber ich würde nie auf die Idee kommen, sie wegzuschmeißen. In jedem dieser Briefe stecken verschiedenste Gefühle und manchmal auch großer Mut oder viel Phantasie. Das Papier braucht nicht viel Platz und kann vielleicht irgendwann einmal für irgendwen eine Zeit, ein Erlebnis, ein Gefühl, einen Menschen oder eine Beziehung veranschaulichen & dokumentieren. Vielleicht verstaubt das Zeug auch einfach nur, aber ich fände es trotzdem unhöflich, etwas zu vernichten, was jemandem anderen Lebenszeit & -energie gekostet hat.
Heute scheint sich da einiges geändert zu haben.

Auch wenn ich keine Freundschaftsanfragen verschicke, weil ich das reale Leben bevorzuge, bemühe ich mich doch, diese vielen virtuellen Kontakte irgendwie zu pflegen. Ich finde es einfach schade, wenn sich jemand mit mir anfreunden will, wenn dann auch mehr oder weniger viel Zeit (also für mich in Summe viele tausende Stunden) in Korrespondenz investiert wird, die dann wieder einschläft. Klar hat es auch einen gewissen Unterhaltungswert, wenn ich wegen einem höflichen „Danke für die Freundschaftsanfrage“ wortlos blockiert oder wüst beschimpft werde, oder völlig Fremde mir erklären wollen, was in meinem Kopf oder Herz vorgeht. Diese Phantasie & Überheblichkeit ist oft wirklich faszinierend. Aber eigentlich würde ich mir das alles lieber zugunsten des realen Lebens ersparen, auch wenn ich dieses Mangels der scheinbar nötigen Aufdringlichkeit großteils alleine aber dennoch sehr erfüllt verbringe.
Was mich jedoch immer öfter verwundert & schockiert, ist, daß viele Nachrichten nicht nur ignoriert sondern sogar gelöscht werden. Soll damit das immense Speichervolumen von Fakebug ein kleines bißchen entlastet werden? Sollen damit die unzähligen ausspionierten Informationen um ein unrelevantes Quentchen verringert werden? Geht es um eine obskure Form von Ordnung-machen, das leider auch in anderen Lebensbereichen viel zu oft mit Wegschmeißen gleichgesetzt wird. Oder entspricht das Löschen dem Bedürfnis nach einem Tabula rasa, einem Neubeginn ohne Klärung, ohne Verantwortung für das bisher Gesagte, nach einem unreflektierten „Schwamm drüber!“ ohne dazuzulernen und damit zu endloser Wiederholung & ewiger Jugend verdammt?

Wie einige, die nicht genug weggeschaut haben, vielleicht miterleben mußten, zeigte sich diese Tendenz ja auch vor einigen Wochen, als ich in Schimpf & Schande aus einem meiner Tochterprojekte geworfen wurde. Auch da wurden Threads lieber schnell gelöscht, als dumme Mißverständnisse, versteckte Konflikte und häßliche Lügen zu klären. Auch dort wurde wertvolle Lebenszeit & -energie dem Tabula rasa geopfert. Und so wie dort nur die Lügen blieben, sind hier nur noch Vorurteile. Weil ja alle aus dem Internet pervers & aufdringlich sind, ist es dann natürlich auch der, der einfach nur seine Kontakte pflegen will. Daß er irgendwann mal interessant genug war für eine Freundschaftsanfrage oder vielleicht sogar für Komplimente, ist lange vergessen. Oder war er das in Wirklichkeit eh nie, sondern einfach nur ein vermeintlich potentieller Fan & Kunde? Haben schon alle hier Ihre Seele verkauft, nur um vielleicht hoffentlich irgendwann mal ein wenig erfolgreich zu sein? All denen wünsche ich ein anderes Schicksal als das des Dorian Gray. Sich nicht verändern zu können, um ein schönes Bild zu bewahren, muß auch ohne das tragische Ende quälend sein.