Einsamkeit

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Sie scheint eines der größten Tabus und eines der größten Probleme unserer Zeit zu sein. Tabuisiert notwendigerweise deshalb, weil Einsamkeit nicht attraktiv macht. Wir wollen doch alle nur interessante & liebenswerte Menschen kennenlernen. Und weil wir das alle wollen, kann doch gar nicht einsam sein, wer es wert ist, kennengelernt zu werden, oder? Da wir nicht alle Menschen kennenlernen können & wollen, müssen wir uns doch auf die Intelligenz der Masse verlassen. Wer einsam ist, scheint also nicht interessant & liebenswert. Und auch wenn wir selber vielleicht manchmal einsam sind und uns selbst deshalb wohl nicht uninteressant oder zumindest hoffentlich liebenswert finden, so vertrauen wir bei der Einschätzung anderer trotzdem dem Blockbuster-Effekt.

Wer über die eigene Einsamkeit spricht, hilft sich deshalb nicht gerade. Besser scheint es, sich beliebt & umschwärmt zu geben und darauf zu hoffen, so interessanter zu wirken. Wir wollen Blockbuster sein und vergessen dabei, daß Blockbusting  die Entscheidung birgt, bei der Qualität zu sparen, um mehr Ressourcen für die Werbung zu haben. Also doch lieber mehr die eigenen inneren Werte als den Anschein pflegen? Egal, wie mich andere sehen, ich will mich selber lieber für die Ursachen & Lösungen meiner Probleme interessieren. Und ich will Dinge ändern, indem ich auch darüber spreche.

Zuerst zu einigen Vorurteilen über einsame Menschen:
Nicht die unkommunikativen & unsozialen Eigenbrödler sind einsam. Die sind alleine, aber ihnen fehlt dabei nicht unbedingt etwas, weil sie vielleicht genug mit sich selber beschäftigt sind. Ganz im Gegenteil: Oft sind die am einsamsten, von denen alle denken, sie kennen eh so viele Leute, denen brauche ich eh niemanden vorstellen, die brauche ich nicht verkuppeln, und da macht es auch nichts, wenn der Kontakt einschläft.
Ich habe mal in Zeiten allergrößter Einsamkeit von der Hausverwaltung Mahnungen erhalten, weil das Gerücht umging, ich nutze meine Wohnung als kommerzielles Kaffeehaus. Tatsächlich sah ich wochenlang keine einzige Menschenseele.

Wenn wir schon bei Gerüchten sind: Einsame Menschen müssen auch nicht für schlechtes Karma büßen, weil sie vielleicht böse, hinterhältig oder falsch wären. Ganz im Gegenteil: Sie haben oft Zeiten größter Einsamkeit durchzustehen, weil sie weniger aufdringlich sind und deshalb öfter unterschätzt, übersehen oder vergessen werden, weil sie andere nicht in kranke Beziehungsmuster locken oder sonstwie in Abhängigkeiten halten, oder weil sie sich weniger gegen Neid, Mißgunst und Intrigen wehren und destruktiven Revierkämpfen lieber aus dem Weg gehen.

Gerüchte sagen ja immer viel mehr über die Rufmörder_innen als über deren Opfer aus. Als Schuldzuschreibungen nutzen sie deshalb gar nicht. Aber selbstverständlich kursieren Gerüchte umso besser, je isolierter jemand ist. Und weil wir leider meistens lieber über- als miteinander reden, entsteht so wieder ein gefährlicher Teufelskreis.

Natürlich hat länger andauernde Einsamkeit aber auch tatsächlich Effekte, die mitmenschliche Kontakte schwieriger oder anstrengender machen. Ich war früher ein äußerst geselliger Mensch, der wirklich leicht mit anderen ins Gespräch kam und (fast) immer als sympathisch & interessant wahrgenommen wurde. Als ich jedoch wegen Rufmords und anderer Gründen einige Jahre sehr einsam war, wurde es immer ungewohnter und seltsamer, wenn ich manchmal doch unter Menschen kam. Ich kam wirklich aus der Übung, brauchte länger, bis mir passende Fragen und Gesprächsbeiträge einfielen, so daß das Gespräch meist schon wieder ganz woanders war. Deshalb schwieg ich viel mehr, und fast nie bemerkte irgendwer, daß ich eigentlich ganz viele, spannende Ideen, Fähigkeiten und Erfahrungen zu bieten hätte. Es interessierte sich deshalb logischerweise auch kaum jemand für mich. Und wenn das ganz selten doch wer tat, war ich so „ausgehungert“, daß ich viel mehr sprach, als eigentlich passend wäre. Und wenn’s Dir nicht gut geht, ist es ohne Übung noch viel schwieriger, ehrlich aber konstruktiv oder gar unterhaltsam darüber zu sprechen ohne zu jammern.

Es liegt also an uns, ob wir in diesen Zeiten der vermeintlich unendlichen Auswahl, Kontakte nur sammeln und regelmäßig aussortieren wollen, oder ob wir sie pflegen. Wie schon der Fuchs dem kleinen Prinzen sagte, sind wir verantwortlich für das, was wir uns vertraut gemacht haben.
Und wir entscheiden, ob wir uns nur den Menschen widmen, die eben da sind, die sich vielleicht sogar aufdrängen, oder ob wir uns auch für die unaufdringlichen „Geheimtipps“ interessieren wollen. Denn manchmal stimmt es wirklich: Stille Wasser sind tief.